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Schlagwort-Archive: Vaterunser

Ökumenischer Gottesdienst: Rogate-Vorstand am 5.11. eingeführt

Rogate-Einführungsgottesdienst am 5.11.2009: Ulrich Reinfried, Pastor Uwe Meltzko, Pfarrer Andres Fuhr, Waldtraud Wendland, Edmund Mangelsdorf, Pater Josef Rohrmayer, Miguel-P. SchaarAm Donnerstag, 5. November 2009, wurde der Vorstand der Ökumenischen Rogate-Initiative in einem feierlichen ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg in sein Amt eingeführt. Pfarrer Dr. Andreas Fuhr stand dem Abendgottesdienst vor und wies auf die enge Verwurzelung des Vereins in der Gemeinde und dem Kiez hin.

Pater Josef Rohrmayer vom Schöneberger Afrika-Center und Pastor Uwe Mletzko vom Verein für Innere Mission in Bremen wirkten an der Einsegnung mit.

Am Gottesdienst nahm u.a. mitbetend und in der gewohnt herzlich-konstruktiven Weise Schönebergs Noch-Superintendent Wolfgang Barthen sowie sein Stellvertretender Kreisältester Stefan Schult de Morais teil.

Den Liturgiezettel für die Andacht finden Sie hier.

Einzug und Eingangschoral „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“, Evangelisches Gesangbuch Nr. 155

Die Begrüßung durch Gemeindepfarrer Dr. Andreas Fuhr, das Eingangsgebet, die Psalmlesung als Wechselgebet sowie die Lesung aus Jesaja 58:

Das Lied vor der Predigt: „Du meine Seele, singe“, Evangelisches Gesangbuch Nr. 303:

Die Predigt von Pastor Uwe Mletzko (Teil 1):

Teil 2 der Predigt von Pastor Uwe Meltzko:

Das Lied nach der Predigt: „Brich mit den Hunrigen dein Brot“, Evangelisches Gesangbuch Nr. 420:

Die Vermahnung, Verpflichtung und Einsegnung des Vorstands der Initiative:

Das im Gottesdienst gesprochene Fürbittengebet:

Barmherziger Vater, wir danken dir für die Gemeinschaft in die du uns stellst, wir danken dir für die Begabungen und Talente, die unsere Kirchen und Gemeinden prägen. Lass uns immerfort gemeinsam auf dem Weg des Friedens die Wahrheit suchen, im Streit das gemeinsame Ziel erkennen und fröhlich dich bekennen. Lass uns Frucht und Hoffnung bringen. Mach du uns stark, segnender Gott.

Kehrvers der Gemeinde (Evangelisches Gesangbuch 135, 4)

Güldner Himmelsregen,
schütte deinen Segen
auf der Kirche Feld;
lasse Ströme fließen,
die das Land begießen,
wo dein Wort hinfällt,
und verleih, dass es gedeih,
hundertfältig Früchte bringe,
alles ihm gelinge.

Jesus, unser Bruder, wir danken dir für allen Willen zur Gestaltung gemeinsamen Lebens, für einen wachen Geist und Menschen, die uns zur Seite gestellt werden. Hilf uns, dass unsere Seele sich nicht betrübe und wir voller Hoffnung unseren Dienst tun. Hilf uns aus allem Streit und Hass, wehre dem Zorn und der Gewalt auf unseren Straßen und Häusern. Mach du uns stark, unser Seelenhüter und Beschützer.

Kehrvers der Gemeinde (Evangelisches Gesangbuch 135, 5)

Gib zu allen Dingen
Wollen und Vollbringen,
führ uns ein und aus;
wohn in unsrer Seele,
unser Herz erwähle
dir zum eignen Haus;
wertes Pfand, mach uns bekannt,
wie wir Jesus recht erkennen
und Gott Vater nennen.

Heiliger Geist,wir danken dir für alle Einsicht und die Kraft immer neu beginnen zu können, wir danken dir für das Licht des Tages und die Flamme einer Kerze. Wir wissen um die Begrenztheit unseres Lebens hier. Wir bitten dich um Einsicht, dass wir unsere Zeit auf Erden nutzen, um unseren Nächsten zu dienen und die Hand zum Gebet und zum Frieden zu strecken. Wir bitten dich für alle, die gestorben sind, die uns fehlen und die wir vermissen. Lass sie in deinen Frieden eingehen und geleite alle, die heute Nacht sterben. Mach du uns stark, unser Licht!

Kehrvers der Gemeinde (Evangelisches Gesangbuch 135, 6)

Hilf das Kreuz uns tragen,
und in finstern Tagen
sei du unser Licht;
trag nach Zions Hügeln
uns mit Glaubensflügeln
und verlaß uns nicht,
wenn der Tod, die letzte Not,
mit uns will zu Felde liegen,
daß wir fröhlich siegen.

Gott, der du bist heilig und drei in eins, wir danken dir für das Glück der Gemeinschaft, für die gelingende Ökumene, die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen und allen Menschen guten Willens. Segne du die Initiativen in dieser Stadt, die zum Frieden, zur Gerechtigkeit und zu einem Zusammenhalt aller beitragen. Segne du die Kirchengemeinden und Initiativen, dass sie Orte der Hoffnung werden und für alle Menschen offen sind. Segne du die Rogate-Initiative, dass sie zur Verständigung beitrage, Gottesdienste zu deinem Lob feiere und dem Menschen zum Glauben helfen möge. Mach du uns stark, du Schöpfer allen Lebens.

Kehrvers der Gemeinde (Evangelisches Gesangbuch 135, 7)

Lass uns hier indessen
nimmermehr vergessen,
dass wir Gott verwandt;
dem lass uns stets dienen
und im Guten grünen
als ein fruchtbar Land,
bis wir dort, du werter Hort,
bei den grünen Himmelsmaien
ewig uns erfreuen.

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Verfasst von - 6. November 2009 in Aktuelles, Andachten

 

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Blick über den Tellerrand: Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute. Teil 3.

von D. Rönisch, evangelischer Pfarrer in Ruhe, Berlin

3. Folge: „Das Gebet, das die Welt umspannt.“

Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg: Der Altaraufsatz für die Bibel zeigt die Symbole für die vier Evangelisten und in der Mitte das Haupt, Jesus Christus.

Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg: Der Altaraufsatz für die Bibel zeigt die Symbole für die vier Evangelisten und in der Mitte das Haupt, Jesus Christus.

So lautete der Titel eines Buches, das der renommierte Theologe und Prediger Helmut Thielicke in den Kriegswirren der Jahre 1944/45 zu Papier brachte. Es waren Reden über das Vaterunser. Das Gebetsleben selbst, nicht nur das Vaterunser, ist ein Phänomen, das die Welt umspannt. Es gibt kein Volk auf der Erde, das nicht betet. Und wenn sich, wie wir sahen, die klugen Köpfe in Westeuropa angestrengt haben und aus dem Beten einen „Wahn“ machen wollten, so sind sie gescheitert. Auch Westeuropa betet, es hat immer gebetet. Pointiert kann man mit Friedrich Heiler, dem Autor der umfangreichsten Monografie über das Gebet sagen: „Der Gebetstrieb der Menschheit ist unausrottbar.“ Ist es etwa überzeichnet, wenn wir sagen: Das Gebet ist geradezu das Herz und der Mittelpunkt aller Religion? Bei einem französischen Theologen habe ich das schöne Wort gelesen, der sagt: Der Wert jeder Theologie, Dogmatik und Religionsphilosophie bemisst sich an dem, was sie über das Gebet zu sagen haben. Und ich möchte hinzufügen: Dein und mein Glaubensleben lässt sich an deinem und meinem Gebetsleben messen. Matthias Claudius, Kind der Aufklärungszeit, der sich das Beten nicht austreiben lassen wollte, schrieb:

„Ob man beten dürfe – ist eine genauso törichte Frage wie, ob man eine Nase haben dürfe.“

Man hat, man betet.

Ich sagte, Gebetsleben umspanne die Welt, umspannt die Völker und ihre Religionen. Dabei hat jede Religion ihre Eigenheit in ihrer Gebetspraxis entwickelt. Kennzeichen des christlichen Gebetes ist, dass es ein Gebet an den Vater, durch den Sohn, im Heiligen Geist ist. Oft mag uns das nicht mehr so bewußt sein. Hinter dem christlichen Beten steht das ausdrückliche Gebot Jesu: „So seid allezeit wach und betet…“ (Luk.21, 36; vgl. Luk 18, 1ff, Matth. 26, 41 u.ö.).
Martin Luther schreibt im Großen Katechismus über das Gebet:

„Und soll nämlich das erste sein, dass man wisse, wie wir ümb Gottes Gepots willen scuüldig sind zu beten. Denn so haben wir gehört im andern Gepot: ,Du solt Gotts Namen nicht unnützlich führen’, dass darin gefordert werde, den heiligen Namen zu preisen, in aller Not anrufen oder beten…“

Auf die Frage, warum wir überhaupt beten müssten, da Gott doch sowieso wisse, was uns nottut, antwortet Luther an anderer Stelle:

„Warumb lesset er uns denn bitten und unsere not furtragen und gibt’s nicht ungebeten, weil er alle not besser weis und sihet denn wir selbs? Darum das wir’s erkennen und bekennen und bekommen was er uns fur güter gibt und noch viel mehr geben will und kann…Sihe solch erkenntnüs jm gebet gefellet Gott wol und jst de rechte, hoheste und kostlichste Gottes dienst den wir jm tun können…Also leret uns das gebet das wir beide uns und Gott erkennen und lernen was uns feilet und woher wir’s nehmen und suchen sollen.“

Ergo: Beten ist eine Art Erkenntnisvorgang, in der wir unsere eigene Lage vor Gott erkennen lernen und vorab das, was uns fehlt und nottut. Wer nicht betet oder über seinem Nachtgebet einschläft, kann dann auch nicht wissen, was er nötig hat. Beten ist also weder Theorie noch Kopfarbeit; Beten ist weder Plappern noch Ablesen; Beten ist persönliches Gespräch mit dem Gott, der lebt und zuhört schon von Ewigkeit her.

Der Aufsatz der Zwölf-Apostel-Kirche Berlin für die Altarbibel zeigt das Symbol: Das Evangelistensymbol des Lukas ist der (geflügelte) Stier – dieser wird auch Flügelstier genannt.

Der Aufsatz der Zwölf-Apostel-Kirche Berlin für die Altarbibel: Er zeigt das Evangelistensymbol des Lukas, der (geflügelte) Stier, auch Flügelstier genannt.

Als unser Herr Jesus Seine Schüler das Beten lehrte, weil sie nicht so recht wussten, wie man das anders macht als der Normaljude, da formulierte Er das Vaterunser. Wir haben seinen genauen Wortlaut nicht mehr. Wir wissen, dass Gemeinden, die damals der Apostel Lukas besuchte, einen kürzeren Wortlaut des Vaterunser kannten (siehe Luk. 11, 2-4) als die palästinischen Gemeinden des Matthäus (siehe Matth. 6, 9-13). Schon vor langer Zeit hat die Christenheit sich auf die Fassung des Matthäus geeinigt und dann viel später auch auf einen anerkannten Schluss (siehe die Verse 14-15), sodass die Christenheit heute ein einheitliches Vaterunser kennt, wohl das einzige Gut, das sie – das ist die katholische, orthodoxe und protestantische Christenheit – gemeinsam hat. Im Laufe der Zeit sind dann, angeblich durch so etwas wie das „Innere Wort“, zahlreiche andere Fassungen des Vaterunser aufgetaucht, wie in „Das Evangelium Jesu“ des Engländers G.J.R. Ousley oder ein angebliches Ur-Evangelium aus dem 1. Jahrhundert, das sich „Das Evangelium des Friedens Jesu Christi von seinem Schüler Johannes“ nennt, und das von Ed. Bordeaux Székely aufgefunden sein will und einen zweiten Teil kennt, der folgendermaßen beginnt: „Und ebenso betet zu eurer Erdmutter: Unsere Mutter, die du bist auf Erden, geheiligt sei dein Name…“ Ist das kurios? Es ist sicher nicht kurioser als die Wiedergabe des Vaterunser in der erst 2006 erschienenen „Bibel in gerechter Sprache“, in der das Vaterunser so beginnt: „Du Gott, bist unser Vater und Mutter im Himmel, dein Name werde geheiligt. Deine gerechte Welt komme..“   Niemand sage, das alles sei nicht ernsthaft. Aber ist es ernsthaft dasselbe, was Jesus gesagt und gewollt hat? Ich entscheide mich in der Auslegung des Vaterunser für den Wortlaut, den wir in Luthers Übersetzung im Matthäusevangelium nachlesen können und der ökumenisch ist.

In der nächsten Folge hören wir dann etwas über den Vater im Himmel.

Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute:

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

 

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Blick über den Tellerrand: Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute. Teil 2.

von D. Rönisch, evangelischer Pfarrer in Ruhe, Berlin

2. Teil: Die vertanen Chancen des Gebetes

In welche Richtung beten? Gen Himmel oder in sich gekehrt?Wer Beten für selbstverständlich hält, der irrt. Beten, wie wir Christen es verstehen, setzt zweierlei voraus: Einen hörenden, persönlichen Gott, der unser Gebet wünscht, und ein ehrliches Herz, das sich nach Antwort und Erfüllung seines Gebetes sehnt. Ob es sich dabei um ein Dank-, Bitt-, Lobpreisgebet oder sonst eine Gebetsform handelt, ist unwesentlich. Die Erfahrung lehrt, dass Gott den Beter hört, aber Er erhört nur die seiner Gebete, die den Beter im Blick auf das Ewige Leben und nicht nur auf das irdische entwicklungsmäßig weiterbringen und ihn nicht an dieser Entwicklung hindern. Wie wenig Beten selbstverständlich ist, mag ein jeder an sich selbst feststellen, wenn er sich fragt: „Habe ich mich – vom Kirchbesuch abgesehen – selbst schon laut beten gehört?“ Religiöse Stimmungen, die zur Zeit Konjunktur haben, repräsentieren nicht das derzeitige christliche Gebetsleben.

Warum ist das Gebetsleben in unserer Zeit so schwerfällig und quälend? Ein Blick zurück in die Geistesgeschichte Europas der letzten 500 Jahre erklärt, warum wir heute eine Art Gebetsnotstand ausrufen müssten. Als René Descartes (1596-1650), Begründer des Rationalismus, sein „Ich denke – also bin ich (cogito ergo sum)“ formulierte, empfand die damalige geistige Elite Europas sich selbst und ihren eigenen Verstand (ratio) für den Mittelpunkt der Schöpfung. Was ihr Verstand nicht fasste, wurde bestritten. Das galt vor allen Dingen für die Erfahrung. Der menschliche Verstand galt als die Messlatte aller Dinge. Das herrliche „Ich“ stand den „Objekten“ betrachtend gegenüber und übte sich darin, sie zu beherrschen. Zu solchen „Objekten“ zählten bald neben den Maschinen auch alle Tiere, die „Schwarzen“, die Kolonien, die Frauen und später die Arbeiter. Und weil das anscheinend alles so logisch war, ging das stolze Ego daran, das „Über-Ego“, Gott, als Person infrage zu stellen und durch ein „Prinzip Gott“ zu ersetzen. Freilich mit der Folge: Zu einem „Prinzip“ lässt es sich bis heute schwerlich beten!

Die dem Rationalismus folgende Zeit der Aufklärung sollte die relative Offenheit für das Gebet weiter einengen. Der „Aufgeklärte“ legte wert darauf, den „Autoritätsglauben“ der Kirchen durch einen sogenannten „Vernunftsglauben“ zu ersetzen. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) sprach in diesem Zusammenhang gern von „Wahnglauben“, den er in drei Gruppen einteilt, von deren eine die Gnadenmittel sind, zu denen er das Gebet zählt. Bei Kant heißt es: „Das Beten, als ein innerer förmlicher Gottesdienst und darum als Gnadenmittel gedacht, ist ein abergläubischer Wahn (ein Fetischmachen); denn es ist ein bloß erklärtes Wünschen, gegen ein Wesen, das keiner Erklärung…des Wünschenden bedarf, wodurch also nichts getan….,mithin Gott wirklich nicht gedient wird.“
Der „Vernünftige“ bedarf des Gebetes, des „Wahns“ nicht; er will die moralische Tat. Die Aufklärungszeit ist die Wiege eines überbetonten Tat-Christentums. In den meisten Lehranstalten, Schulen, und Kirchen bemühten sich die Pädagogen, ihre Zöglinge aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herauszuführen und sie zu lehren, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – ohne Gebet – versteht sich! Das „Vaterunser“ – so Kant – sei sowieso nur eine Formel, die sich selbst entbehrlich mache, da man in ihr nichts anderes als den Vorsatz zum guten Lebenswandel finde. Welch ein Irrtum!

In solch einem Geist sind unsere Ahnen landauf, landab, erzogen (oder verzogen?) worden. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Belächelten die Gebildeten der Aufklärungszeit, die sich „ihres Verstandes bedienten“ das Gebet, so sollte mit dem Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872), der den Materialismus einzuläuten begann, eine dem Gebetsleben weitaus feindlichere Epoche beginnen. Feuerbach selbst hält nichts mehr vom „Prinzip Gott“ und will es durch die „Projektion Gott“ ersetzt wissen. Über das Gebet urteilt er: „Das Gebet ist das absolute Verhalten des menschlichen Herzens zu sich selbst, zu seinem eigenen Wesen…Im Gebet betet der Mensch sein eigenes Herz an, schaut er das Wesen seines Gemütes als das absolute Wesen an.“
Feuerbach, einst glühender Gottsucher, der von sich selbst schrieb: „Gott war mein erster Gedanke“, findet statt Gott den Menschen als seinen letzten Gedanken.

Im Gefolge von Karl Marx (1818-1883), Friedrich Nietzsche (1844-1900), Sigmund Freud (1856-1939) und der Naturwissenschaft beinahe durchgängig, wurde der Gedanke von der Vorherrschaft der Materie über den Geist und also der Tat über den Glauben fest und fester gezurrt. Das Gebet, meinte man, pflegen nur die Randsiedler, die Unaufgeklärten, die Duckmäuser. Berthold Brecht (1898-1956) hat diese Haltung treffend in seiner „Mutter Courage und ihre Kinder“ beschrieben. In einer Szene gegen Ende des Stückes stellt Brecht die stumme Kattrin einer Bauernfamilie gegenüber. Während die Bauersleute bei einem nächtlichen Handstreich der Feinde auf die wehrlose Stadt Halle auf die Kniee fallen und das „Vaterunser“ beten, klettert Kattrin, umgetan mit einer Trommel, auf das Dach des Hauses und will die Schlafenden warnen. Schreien kann sie nicht, nur lärmen. Das Gebet wir hier als die nutzlose und falsche Alternative dem Handeln gegenübergestellt. Gebet wird missverstanden als Flucht aus dem Handeln und schlechterdings abgelehnt. Kann das aber das letzte Wort unsers Jahrhunderts zum Gebet sein?

Beten ist zu keiner Zeit falsch oder nutzlos und rechtes Handeln ebenso wenig. Was könnte einem Menschen wohl mehr geschadet haben: seines Lebens Beten oder seines Lebens Handeln? Nicht oder nicht mehr zu beten halte ich für die Grundtorheit unseres Jahrhunderts. Niemand vermag dem Gebet die Verheißung zu nehmen. Und dem „Vaterunser“ schon gar nicht. Es bleibt bei dem, was der Prophet Jesaja aussprach: „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen“, spricht Gott. Das ist keine Intellektuellenschelte sondern Einspruch gegen ihre Hybris. Vom Gebet gilt: „Wer den Namen Gottes anrufen wird, soll gerettet werden.“ Durch Gedankenblitze der Aufgeklärten lässt Gott sich nicht aus dem Regimente drängen. Von denen, die der Zeitgeist nicht hat irre machen lassen, lesen Sie in „Das Vaterunser ausgelegt für Menschen von heute. Teil 3.“

Die Choralbearbeitung „Vater unser im Himmelreich“ von Johann Sebastian Bach, BWV 636

Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute:

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 3 finden Sie hier.

 

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Blick über den Tellerrand: Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute. Teil 1.

von D. Rönisch, evangelischer Pfarrer in Ruhe, Berlin

1.  Teil: Eine Einleitung

Als Martin Luther sich im 16. Jahrhundert an uns Deutsche gewandt hat mit dem Willen, unser Gottesverhältnis zu reformieren, da war Beten noch kein Problem. Luther bekennt von sich selbst:

Wenn du wenig zu tun hast, dann bete eine Stunde; wenn du viel zu tun hast, zwei Stunden.“

Hundert Jahre später heißt es bei Franz von Sales, einem Ordensgründer:

„Bete jeden Tag eine halbe Stunde, und wenn du sehr viel zu tun hast, dann bete eine ganze Stunde.“

Noch einmal 200 Jahre später schreibt Immanuel Kant:

„Das Beten, als ein innerer förmlicher Gottesdienst …ist ein abergläubischer Wahn (ein Fetischmachen); denn es ist ein bloß erklärtes Wünschen, gegen ein Wesen, das keiner Erklärung der inneren Gesinnung des Wünschenden bedarf…“

Dass heute in einer durchschnittlichen deutschen Familie Kinder ihre Eltern betend erleben, dürfte eher eine Ausnahme, denn die Regel sein. Deutschland ist Gebets-Notstandsgebiet!

Es ist schon ein paar Jährchen her (1979), als unser damaliger Landesbischof Dr. Martin Kruse vor der Provinzialsynode folgendes sagte:

In einer Zeit, in der das Glaubenswissen der Christen – nicht ohne Schuld der Kirche! –gefährlich verblasst, ist es eine der vordringlichsten Aufgaben in allen Diensten der Kirche, die Sprachfähigkeit des Glaubens zu gewinnen und zu fördern. Wenn wir unseren Glauben nicht aussprechen können, reden wir über alles Mögliche und betreiben wir Beliebiges, bleiben aber dabei das Eigentliche und Wichtige schuldig. Die Sprachfähigkeit des Glaubens ist Symptom für seine Lebendigkeit! Das Vaterunser ist nun die erste gemeinsame Äußerung der Sprachfähigkeit des Glaubens gewesen – und es ist heute noch das Letzte, was Christen gemeinsam sagen können“

Der Bischof weist hier auf eine Not in der Christenheit hin, die zu überwinden uns das Vaterunser hilft. Mir scheint, mit gutem Grund. Denn das Vaterunser ist Jesu Antwort gewesen auf die Unsicherheit Seiner Jünger, die nicht wissen, worauf sich ihr Beten, ihr Sinnen und Trachten, wenn es um die Beziehung des Menschen zu Gott geht, richten soll.

Wenn das Vaterunser auch keine lückenlose Dienstanweisung für jeden Schritt ins christliche Leben ist, so ist es doch eine grundlegende Einweisung ins Kirche-Sein. Es enthält Weg – und Zielmarken für das Volk Gottes damals und heute. Es war der Herr Jesus selbst, der das Vaterunser zum Merkmal Seiner Jünger gemacht hat und die frühe Kirche hat es unter Arkandisziplin gestellt. Das Vaterunser war etwas Heiliges, das man vor Außenstehenden geheim gehalten hat. Es ist gerade dieses Gebet, das den egoistischen Beter (Ich will…) über das Du Gottes zum verantwortungsbewussten „Wir“ bzw. „Uns“ umerzieht. Zu einem solchen Prozess möchte ich einladen, indem wir das Gebet Jesu besser kennen lernen. Vielleicht gelingt es uns ja, aus  so etwas wie einer rituellen Gebetsmühle heraus – und in ein lebendiges Gottesverhältnis hineinzufinden. Unsere Gebete sollen doch mehr sein als nur Fallschirme, die wir im Notfall zur Hand haben aber immer hoffen, sie nie gebrauchen zu müssen.

In den weiteren Folgen komme ich auf unsere Gebetsnot zu sprechen und wie uns die einzelnen Bitten des Vaterunser, die sorgfältig ausgelegt werden, helfen, aus der inneren Not heraus und in eine neue Gottesbeziehung hineinzugelangen. Denn jede Bitte im Sinne Jesu bringt uns dem Reich Gottes näher. Deshalb beten wir auch: „Vaterunser…“

Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute. Teil 2 hier.


 

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