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Termin: „Mit dem Herrn am Tisch“ – Evangelische Freiheit und katholische Vielfalt – Über das Geheimnis des Glaubens

Die evangelische Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde in Berlin-Schöneberg lädt ein zu einem Abend über den lutherischen Glauben, die Eucharistie, den Mut zum Bekennen und die Freiheit eines Christenmenschen.

Referent ist Pater Franz Maria Schwarz OSW vom Benediktiner-Priorat St. Wigberti in Werningshausen (Thüringen).

Termin der Veranstaltung ist am Donnerstag, 6. Mai 2010, 19.30 Uhr, im Kleinen Saal im Pfarrhaus der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde, An der Apostelkirche 3, 10783 Berlin-Schöneberg.

Das Priorat Sankt Wigberti ist ein lutherisches Kloster in der Form eines ökumenischen Priorats, das seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Werningshausen (Thüringen) u.a. von Pater Franz aufgebaut wurde. Die Gemeinschaft lebt nach der Benediktsregel. Das Kloster trägt den Namen des heiligen Wigbert. Zur Gemeinschaft gehören lutherische und katholische Männer. Zeitweise lebten dort auch orthodoxe Brüder.

1987 wurde die Regel und der Orden von der Ev.-luth. Kirche in Thüringen als erstes Benediktinerkloster nach der Reformation in Deutschland approbiert. Die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) hat die Approbation 2009 bestätigt.

Prior Schwarz (65) ist seit 1978 Pfarrer in Werningshausen bei Apolda und seit 1987 Prior und Apostolischer Vorsteher des Klosters St. Wigberti. Im Dezember des vergangenen Jahres ist er altersbedingt aus dem Pfarrdienst der evangelischen Kirchengemeinde Werningshausen in den Ruhestand verabschiedet worden, übernimmt aber weiterhin in der Gemeinde pfarramtliche Aufgaben und Vortragsreisen im ganzen Land.

Die Ökumenische Rogate-Initiative und die Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde feiern zusammen am Sonntag, 9. Mai 2010, 10.00 Uhr, eine Heilige Messe. Die Predigt hält Pater Franz. Den Gottesdienst-Zettel vom 9. Mai 2010 finden Sie hier.

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Verfasst von - 9. April 2010 in Termine

 

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Blick über den Tellerrand: Bin ich fromm? Annäherungen an ein anstößiges Attribut

Jede Frömmigkeit hat eine Vor- und Frühgeschichte, hat auch etwas damit zu tun, was Eltern und Großeltern zu diesem Thema gedacht und gefühlt haben. Die Berlinerin Eva M. Schubert versucht auf dieser Basis eine Annäherung an die eigene unabgeschlossene Frömmigkeitsgeschichte.

Fromm? Ich? Niemals. Wer will schon fromm sein? Fromm, das sind die Anderen. Die mit dem engen Horizont, die Bibel-wörtlich-Versteher, die Vernunft-Verächter und Bekenntnis-Sklaven, die Gott klein machen, indem sie Gott in ihr kleinkariertes Weltbild pressen. Fromme halten selbstständiges Denken für gefährlich. Fromme werfen Sexualität und Sünde in einen Topf. Fromme finden ihre Weltanschauung wichtiger als Menschenfreundlichkeit und Rück­sichtnahme. Wenn ich so zu assoziieren beginne, schwillt mir der Kamm. „Fromm“ – der Begriff war mein persönliches rotes Tuch noch vor wenigen Jahren, und heute noch kocht gelegentlich die Wut in mir hoch über die so genannten Frommen. Mit schöner Regelmäßigkeit finde ich Gründe aus der Kirche auszutreten, um diesen Frommen endlich den Rücken zu kehren. Aber ich kann es nicht. Es gibt Geschwister in Christus, die ich nur abstoßend finde. Aber aus der Kirche austreten? Ich müsste ja aus mir selber austreten. Aus meiner Biographie. Vielleicht hätte ich es tun können, als ich jünger war. Aber heute ist es zu spät. Ich gehöre dazu. Ich bin selber fromm. Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen und so weiter. Oje.

Rückblende: Meine Frömmigkeit, jede Frömmigkeit, hat eine Vor- und Frühgeschichte, hat etwas damit zu tun, was Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, Tanten und Onkel zu diesem Thema dachten und denken, fühlen und gefühlt haben, was sie weiter gegeben oder nicht weiter gegeben haben. In meiner Familie gehört Religion zur Erbmasse. Ambivalent wie jedes Vermögen: „Was du von deinen Vätern erbst, erwirb es, um es zu besitzen“, meinte Goethe. Worin besteht aber dieses „Erbe“? Das ist eine unübersichtliche Angelegenheit:

Ein, zwei, drei, mehr Generationen zurück gab es in meiner Familie noch Katholiken und konvertierte Katholikinnen, Lutheraner, protestantische Glaubensflüchtlinge aus dem Salzburgerland, später Baptisten. Sie lebten in Sachsen und Ostpreußen, in Berlin und dem Rheinland, sogar im Westerwald und dem Bergischen Land. Da sind ferne Ururgroßmütter und früh verstorbene Großväter. Kaufleute, Bäcker, Schreiner, mittelständische Unternehmer, Schneiderinnen und Hausfrauen. Keine Akademiker. Das universitäre Studieren begann erst in der Generation meiner Eltern und wurde in meiner fortgesetzt.

Irgendwie christlich waren wohl die allermeisten, mehr oder weniger: Für die einen war Tanzmusik und das Telefon vom Teufel, die anderen sangen Schlager und zertanzten in einer Nacht ein Paar Schuhe. In den Dreißigerjahren hätten sie, die Generation meiner Urgroßeltern und Großeltern, vielleicht beim Singen von „Lobe den Herren“ oder „Kein schöner Land“ noch einträchtig beieinander sitzen können. Über Politik hätte man aber wohl besser nicht gesprochen. Um des lieben Friedens willen.

Doch diese unterschiedlichen Familientraditionen wurden ja auch erst nach dem Krieg miteinander verknüpft. Wo die Liebe eben hinfällt: Meine Mutter war in den Augen der freikirchlichen Familie meines Vaters keinesfalls fromm genug. Ungläubig, landeskirchlich, bildungshungrig, zwischen „Bund Deutscher Mädel“, „Bekennender Kirche“ und „Mädchenbibelkreis“ sozialisiert. Mein Vater, Sohn eines Baptistenpredigers, mit „Hitlerjugend“, Sonntagsschule und Zeltmission aufgewachsen, hatte viele Fragen. Ein Aufsässiger war er wohl, einer, der unter den baptistischen Brüdern und Schwestern keine befriedigenden Antworten fand. Rudolf Bultmanns historisch-kritische Methode, die Entmythologisierungsdebatte waren eine Befreiung.

Er trat in die Landeskirche ein, die selbstständiges Denken, das sich auch in Distanzierung und Kritik äußern mochte, nicht mit Ausschluss oder Sozialkontrolle ahndete. Allerdings traf er auch hier auf Männer, fromme, wie etwa den Pfarrer, der meine Eltern bat, mich daran zu hindern, im Konfirmandenunterricht so viel zu fragen. Der in Predigten behauptete, der Epheserbrief wäre von Paulus. – Er lasse sich doch nicht für dumm verkaufen, schimpfte mein Vater und blieb den Gottesdiensten lieber fern. „Fromm“ war in seinem Denken sehr nah an „verlogen“, an „dumm“. Das war eine meiner frühesten Lektionen.

Daneben gab es aber auch eine selbstverständliche Grundierung des Lebens mit evangelisch-christlicher Religiosität: Bachkantaten und biblische Geschichten, manchen (freiwilligen) Gottesdienstbesuch, ungezählte – auch unfreiwillige – Kirchenbesichtigungen, Posaunenchor, Lukas 2 zu Weihnachten, gemeinsames Singen, Tisch- und Gute-Nacht-Gebete, und so weiter. All das weniger an Bekenntnisschriften orientiert, eher an einem Optimismus, dass der lebendige Gott es schon aushalten werde, wenn Kirchenlehre bezweifelt würde. Dass es eine Wahrheit dahinter geben müsse – oder, wenn es keine gäbe, man sich eben der Leere zu stellen habe. Dass Glaube, wenn überhaupt, vernünftig sein müsse. Dass man nie, nie, nie aus Furcht oder Bequemlichkeit mit dem Denken aufhören dürfe.

Wie unbarmherzig mein Vater gegen sich selber war, das ist mir erst viel später aufgegangen. Er schoss denkend und fragend sein eigenes Glaubenshaus in Trümmer und versuchte doch, gemeinsam mit meiner Mutter, uns Kindern das Glauben aufzuschließen. Wie viel Zorn war da, wie viel Schmerz, wie viel Macht, wie viel Liebe zur Wahrhaftigkeit. Noch heute ist er in religiöser Hinsicht eher obdachlos. Trost spendete, spendet allein die Musik – allen voran Johann Sebastian Bach. Oder auch Felix Mendelssohn Bartholdy: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Wichtig in meinen Kinderjahren war wohl die seltsam durchlässige Abgrenzung von der freikirchlichen Verwandtschaft. Es gab nicht viel Kontakt, aber meine Tante, mein Onkel, die meine Kindstaufe bezeugten, waren Baptisten, Verfechter der Erwachsenentaufe also. Später unterstützte der Onkel finanziell mein Theologiestudium, nicht ohne mir lautstark zu vermitteln, dass das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe.

Wachstumsschmerzen

Dank Mutters Verbindungen zu ehemaligen Mädchenbibelkreislerinnen erlebte ich auch Jugendfreizeiten mit „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“–Gesang und regelmäßigen Bibelarbeiten. Ich fuhr gerne mit ihnen nach Norwegen oder Schweden. Es gab Begegnungen mit anderen Jugendlichen, „die ihr Leben Jesus übergaben“ und mich verunsicherten, weil sie meine Konfirmation als „rein formalen Akt“ betrachteten. Aber es gab auch punkige Kids aus Nordelbien und Berlin, es gab Pfarrerssöhne aus Bayern und Nachtwanderungen nach dem Silvestergottesdienst, in dem „Von guten Mächten“ gesungen wurde. Ich schloss Freundschaften und erprobte die Thesen aus dem Elternhaus in leidenschaftlichen Debatten: „Die Bibel Gottes Wort? Unsinn!“ – Dazwischen der erste Zungenkuss und Tränen, wegen gebrochenem Herzen. Wachstumsschmerzen auf allen Ebenen. Einmal wollte mich jemand bebeten, da die Evolutionstheorie vom Teufel sei. Eine andere meinte, wir sähen uns im Himmel wieder. Ich staunte und flüchtete, da war ich Anfang zwanzig. Diese Welt war zu eng, die intellektuelle Luft zu dünn. Doch da Gott auch mir in der Bibel begegnet war, studierte ich trotzdem Theologie.

Die Jahre an der Universität waren faszinierend und quälend zugleich. Immerzu ging es ums Ganze, um diesen einzigen Trost im Leben und im Sterben. Denken am offenen Herzen mit offenem Herzen. Neues Wissen, das Grenzen sprengte, das befreite und zerstörte. Es tat weh, den alten Glauben zu verlieren. Tatsächlich gab es etwas zu verlieren, und Neues war noch nicht in Sicht. Im Gottesdienst, wenn ich ihn besuchte, sprach, sang ich nur noch, was mir plausibel erschien. Das war nicht viel. Ein Bewusstsein keimte, dass Religion auch mit Politik, mit Gerechtigkeit zu tun habe.

Glücklicherweise gab es unter meinen Professoren wirkliche Denker. Der Geist bekam genügend Futter. Nur das arme Herz blieb lange auf der Strecke. Friedrich Schleiermachers „Reden über die Religion“ wurden sein Rettungsring: „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“ Da war eine Spur. Trotzdem: Aufs Pfarramt hatte ich keine Lust. Zu eng stellte ich mir die Lebens- und Denkbedingungen vor. Ich machte Examen und schlug einen anderen Berufsweg ein. Im Gepäck – damals tief versteckt – einen Wortschatz, in dem auch die Begriffe des Glaubens funkelten. „Fromm? Ich? Ach Gott.“ Das Leben war bunt. Ich schnürte mein Ränzel und ging meiner Wege.

Noch heute beten meine Eltern vor jeder Mahlzeit. Bald werden sie achtzig Jahre alt sein. Mein Vater macht den Anfang: „Wir danken dir Herr, …“, meine Mutter fällt ein: „du bist freundlich und deine Güte währet ewiglich. Amen.“ – Erst kürzlich ist mir klar geworden, dass mir das ein gutes Gefühl macht. Vor mehr als zwanzig Jahren bin ich ausgezogen, habe Studium, Arbeitslosigkeit, eine Berufsausbildung, viele Ortswechsel hinter mir. Wenig ist, wie es geplant war. Vieles hat sich verändert. Aber dieses Tischgebet ist geblieben. Egal, wo ich auch bin, was ich auch tue, meine Eltern werden, wenn sie sich an den Tisch setzen, um zu essen, die Hände falten und beten. Das ist keine Kleinigkeit, denn ihr selbstverständliches, regelmäßiges Beten ist wie ein dünner roter Faden in meinem Leben. In ihrem vermutlich auch. Eine Übung, die auf eine seltsame Art Halt gibt.

Bin ich fromm? Jedenfalls berge ich mich in Worten und Liedern des christlichen Glaubens. Möchte nicht darauf verzichten müssen, mich sprachlich immer wieder an Gott heranzutasten. Spiele mit dem Wortschatz, den ich über die Jahrzehnte angehäuft habe. Ich tue das immer noch im evangelischen Milieu. Denn das ist die Fremde, in der ich mich am meisten zuhause fühle:

„Ob es Gott gibt interessiert mich nicht / Gott füllt den Abgrund meines Fragens / In den ich tagtäglich zum Luftholen falle / Gehüllt in alte Worte Lieder und Gerüche / Gott wartet da drunten Himmel und Erde / Unter den Händen Formt Singvögel / Atmet mich aus ans Licht /Gott liebt das.“

So kann die Sonntagssprache meines Glaubens klingen. Für den Alltag stütze ich mich eher auf Martin Luther: „Das christliche Leben ist nicht Fromm-Sein, sondern Fromm-Werden, nicht Gesund-Sein, sondern Gesund-Werden, nicht Sein, sondern Werden, nicht Ruhe, sondern Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glückt und glänzt noch nicht alles, es bessert sich aber alles.“

Dieser Artikel von Eva M. Schubert erschien im April 2007 in der Monatszeitschrift „zeitzeichen – Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft“

Herzlichen Dank an die Redaktion für die Genehmigung, ihn auf dder Rogate-Homepage zu präsentieren.

Ihr Glaube? Ihre Frömmigkeit? Wie ist Ihr Verhältnis zu Gott, zum Glauben, zur Religion?

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