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Aktuell: 200 Jahre Talar in Deutschland. Eine Ansichtssache.

19 Mai

Der schwarze Talar wurde vor 200 Jahren eingeführt. Das Rogate-Kloster würdigte dies mit einer achtteiligen Reihe und hat Frauen und Männer, Katholiken und Protestanten, Geistliche und Laien um ihre Meinung gefragt. Hier ein Ausschnitt:

Jochen Bohl, 60, Dresden, Landesbischof der Ev.-luth. Landeskirche Sachsens. „Als junger Vikar war ich skeptisch, ob so etwas wie eine „Amtstracht“ überhaupt gebraucht wird. Das habe ich dann aber schnell gelernt – wie sehr nämlich das Amt den Menschen trägt, dem es übertragen ist; und dafür ist der evangelische Talar ein sprechendes Zeichen. Gerade mit seiner schlichten Nüchternheit bin ich sehr einverstanden, er ist ja von seinem Ursprung her ein Gelehrtentalar und so ist es angemessen, dass er die Pfarrerinnen und Pfarrer, die „Lehrer des Wortes“ kleidet. Insofern ist der Talar ein Hinweis auf das sola scriptura, das in das Zentrum des Selbstverständnisses unserer Konfession gehört. Kein anderes Land hat eine solche Tradition wie Deutschland als das Ursprungsland der Reformation. Vor diesem Hintergrund gehört der schwarze Talar mit Beffchen zu dem „Eigenen“ unserer Konfession. Er bezeichnet die geistliche Heimat, die mir lieb ist.

Fulbert Steffensky hat einmal davon gesprochen, dass der Protestantismus in seinen Selbstinszenierungen schwach ist; und hat den Talar in diesem Zusammenhang als das „unerotischste aller liturgischen Kleidungsstücke“ bezeichnet. Aber diese Schwäche sei eine, wenn auch von manchen nicht gewürdigte, und darum unbelohnte Stärke. So sehe ich es auch; und für diese besondere Prägung bin ich dankbar.“

Ulrich Rüß, 67 Jahre, Hamburg, Pastor, evangelisch-lutherisch. „Im Namen des Dreieinigen Gottes ist jeder Gottesdienst die wichtigste Feier, ein freudiges Fest, das Himmel und Erde, Gott und Mensch verbindet. ER ist gegenwärtig, spricht zu uns durch sein Wort, in der Eucharistie feiern wir die reale Gegenwart Christi in Brot und Wein. Die gefeierte Liturgie der Messe bringt die Entsprechung von Inhalt und Form beispielhaft zum Ausdruck. Der schwarze preußische Talar mit Beffchen, ein Gewand, das sich einer Kabinettsorder eines preußischen Königs verdankt, weder christlich, liturgisch noch typisch evangelisch ist, sondern bürgerlich und einem modischen Zeitgeist vor 200 Jahren entspricht, steht heute mehr für Tristesse und Trauer, jedenfalls nicht für Freude und Fest. Nun machen bunte Gewänder noch keinen guten Gottesdienst, aber liturgische Gewänder, die Albe mit Stola in der jeweils liturgischen Farbe, ggf. auch die Kasel unterstreichen mit ihrer christlichen symbolhaften Deutung den Inhalt und das Wesen des Gottesdienstes. Von Martin Luther wissen wir, dass er an den alten liturgischen Gewändern festhielt. Der wünschenswerte Abschied vom schwarzen Talar ist somit kein Verrat an der Reformation oder Anbiederung an die röm.-kath. Kirche, vielmehr entspricht die liturgische Gewandung mit der Farbe Weiß der Freude des Evangeliums und des Festes mit Gott und einer gesamtkirchlichen aussagestarken liturgisch-gottesdienstlichen Tradition. Die anzustrebende Wiederentdeckung der liturgischen Gewänder im evangelischen Gottesdienst unterstreicht darüber hinaus die wünschenswerte ökumenische Verbundenheit mit anderen Kirchen.“ Den Beitrag finden Sie zudem hier.

Dr. Ulrich Fischer, geb. 1949, Karlsruhe, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden. „Den schwarzen Talar trage ich gern. Er vermeidet das Missverständnis, als würde ich im Gottesdienst als Privatperson reden. Als Amtstracht lässt er mich als Vertreter der evangelischen Kirche erkennbar werden. Mit Hilfe des Talars tritt meine Person zurück hinter meinem Amt, und das ist gut so. Außerdem macht der Talar die menschlichen Körper irgendwie gleich: Unvorteilhafte körperliche Proportionen werden verdeckt, der Superbody kommt nicht zur Geltung. So wehrt der Talar mancher Eitelkeit, die es auch im Pfarrberuf gibt. Allerdings „predigt“ der Talar auch. Bevor ich den Mund auftue, hat seine schwarze Farbe schon eine Botschaft ausgesandt – bei Beerdigungen in guter Weise, bei anderen Gelegenheiten eher neutral, manchmal aber auch deprimierend. Darum schätze ich es, an besonderen Festtagen dem schwarzen Taler „Farbe zu geben“ – durch eine Stola in der Farbe der Kirchenjahreszeit. Und an den großen Kirchenfesten lasse ich den schwarzen Talar auch manchmal im Schrank und tausche ihn – als Ausdruck der Festtagsfreude – gegen die Albe, die weiße Schwester des von mir so geschätzten schwarzen Bruders.“

Dr. h.c. Frank Otfried July, 56 Jahre, Stuttgart, Landesbischof Evangelische Landeskirche in Württemberg, evangelisch. „Ich weiß noch wie heute, mit welch besonderem Gefühl ich meinen ersten Talar angezogen habe. Es war nach dem Examen und vor meinem Dienstantritt als Vikar. Es wurde mir in einem Augenblick klar, was „Investitur“ wirklich bedeutet:

Mit diesem Talar trägst du dich nicht selbst durch die Kirche, mit deinen Tageseinfällen und Meinungen, sondern die Kirche vertraut dir das Amt der öffentlichen Wortverkündigung an. Dafür stehst du – in deinem Talar.

Daran erinnert mich mein Talar bis heute! Bei vielen ökumenischen Gottesdiensten steht mein Talar für die reformatorische Tradition und Beauftragung. Dennoch trage ich bei manchen Anlässen auch den weißen Talar mit Stola; viele Jahre am frühen Ostermorgen bei der Osterfeier auf dem Friedhof der Diakonissen. Da zeigte der weiße Talar etwas von der neuen Leichtigkeit und dem Glanz am Auferstehungsmorgen. Ebenso wie bei den Schlussgottesdiensten der sozial-diakonischen Vesperkirche in Stuttgart. Dort wird ein „Fest des Lebens“ gefeiert, das schon etwas ahnen lässt vom „Fest ohne Ende“ (Roger Schulz).

Es ist das Evangelium, das uns letztlich umkleidet. Ich möchte weiterhin im schwarzen Talar das Evangelium Sonntag für Sonntag verkündigen, um an besonderen Festen und Feiern im weißen Festgewand Christus zu loben und ihm im Abendmahl zu begegnen.“ Den Beitrag von Bischof Juli finden Sie auch hier.

Den 1. Teil der Reihe „200 Jahre Talar. Ein Textil feiert Jubiläum“ mit Beiträgen u.a. von Maria Jepsen und Hans-Jochen Jaschke finden Sie hier. 2. Teil mit Statements Monika Grütters und Ulrich Fischer finden Sie hier. Der Teil 3 mit Beiträgen von Wolfgang Gern und Ulrich Rüß ist hier zu finden. Teil 4 mit Beiträgen von Pascal Kober und Frank Otfried July hier. Teil 5 mit Wilhelm Hüffmeier hier. Teil 6 mit Statements u.a. von Hans-Martin Heinemann hier. Den Teil 8 hier.

Schwarz ging es nicht immer in evangelischen Gottesdiensten zu. Die Dokumentation „Historische Bilder zum Evangelisch-lutherischen Gottesdienst“ von Helmut Schatz zeigt es. Sie finden sie hier.

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Verfasst von - 19. Mai 2011 in Aktuelles

 

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