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Blick über den Tellerrand: „Lieber Katholizismus als Eso-Krempel“

06 Apr

Das Ave Maria in der Potsdamer Straße 75 ist eine Oase. Eine Oase der Ruhe. Kaum betritt man den Laden, hört man keine Autos mehr, keine Menschen, keine Fahrräder, nur noch leise sakrale Musik im Hintergrund. Es riecht nach Weihrauch. Um die 40 Sorten davon gibt es hier zu kaufen. Sie reihen sich ein in ein Sortiment aus sakralen Figuren, Postkarten, Büchern, T-Shirts, Aufklebern, Taufkerzen, Rosenkränzen, Medaillons, Kruzifixen und Postern. Das Ave Maria lässt das Herz jedes Katholiken und Sammlers mit Leidenschaft für christlichen Nippes höher schlagen.

Aber warum macht man mitten im atheistisch geprägten Berlin, hier an der Potsdamer Straße in Tiergarten-Süd, einen Laden mit katholischen Devotionalien auf? „Nur Gott weiß es!“, sagt Frau Schuster und schmunzelt.

Wir sitzen in ihrer Altbauwohnung, die wie eine Verlängerung des Ave Maria wirkt: Viele Bücher, dunkles Holz, ein Feuer knistert im Kamin. Ulrike Schuster sitzt auf einem Sitzkissen und nippt an ihrem Tee. Lediglich ein bisschen Lego auf dem Boden fällt aus dem Rahmen.

Weihrauch im Laden

Gemeinsam mit Dieter Funk, der auch die benachbarte Joseph-Roth-Diele betreibt, ist sie die Besitzerin des Ave Maria. Ursprünglich ist sie gelernte Lehrerin aus Schwaben, den Laden betrachtet sie eher als Hobby. „Leben kann man davon nicht“, sagt sie, es ist mit etwas Glück eine Plus-Minus-Null-Rechnung. So arbeiten auch alle Aushilfen im Laden auf ehrenamtlicher Basis.

Als sie das Ave Maria vor 16 Jahren hier eröffnete, wunderten sich nicht wenige Bekannte und Freunde über die Auswahl des Ortes. Die Potsdamer Straße sei doch ein Puff-Viertel, ein katholischer Laden wirke doch eher befremdlich und passe eher nach Zehlendorf oder Steglitz. „Viele Leute denken, Christentum sei etwas Bürgerliches“, erklärt Frau Schuster. Sie sieht das nicht so. Ihre Kunden danken es ihr.

Mit vielen von ihnen kommt sie im Laden auch ins Gespräch. Ihre Kundschaft kommt von überall her, erzählt sie, sogar aus weit entlegenen Ländern wie Ghana oder dem Kongo. Und so treffen auch die unterschiedlichsten Ausprägungen des Christentums in ihrem Laden aufeinander.

Ob sie auch oft Besuch von Muslimen bekommt, die auf den Laden neugierig sind? Schließlich bietet das Ave Maria auch viele Schriften zu dem Islam und anderen Religionen an, und das kulturell und ethnisch durchmischte Viertel ließe dies darüber hinaus vermuten.

Figuren im Ave Maria

Doch Frau Schuster verneint. „Muslime zählen eigentlich nicht zu unseren Kunden. Aleviten vielleicht noch. Doch Muslime haben wie auch strenggläubige Protestanten und Juden Angst vor den vielen Bildern“.

Die überbordende Visualität des Ladens steht in Kontrast zu dem propagierten Bilder-Verbot vieler Religionsausprägungen. Doch was ist mit den vielen Atheisten in Berlin? Ulrike Schuster nippt an ihrem Tee und überlegt kurz. „Nein. Ich glaube, so etwas wie richtigen Atheismus gibt es aber auch kaum noch.

Zu dem Hauptkundenstamm des Ave Maria gehören demnach – natürlich – Katholiken und auch viele Orthodoxe jeglicher Ausprägung. Montags gesellt sich ab und an dann noch eine ganz andere Klientel in den bunten Reigen der Einkäufer: Ausstatter, die Utensilien für Oper und Theater kaufen.

Nach einem Verkaufsschlager gefragt, schüttelt Frau Schuster mit dem Kopf. Die Wünsche der Kunden seien ganz unterschiedlich. „Mal kommt eine junge Frau und möchte eine Taufkerze kaufen, mal eine alte Dame, deren Mann schwer krank ist und die wissen möchte ob es etwas gibt das ihm helfen könnte.“

Viele Kunden sind auch einfach neugierig oder praktizieren eine Art ‚Patchwork-Glauben’, wie sie es schmunzelnd bezeichnet: Ein bisschen Buddhist, ein bisschen Hindu, ein bisschen Katholik. Auch viele junge Menschen hat sie schon im Laden begrüßt. „Einige kommen auch herein und möchten das Christentum erklärt haben“, sagt sie und lacht.

Kurz bevor ich mich verabschiede höre ich im Hintergrund noch die Wohnungstür. Herr Schuster tritt ins Wohnzimmer. „Hallo! Das ist Verena, eine Studentin, sie schreibt über den Laden“, stellt mich Ulrike Schuster vor. Ihr Mann rollt mit den Augen. „Wissen Sie, er hat mit Kirche und Glauben nicht so viel am Hut, ihm ist das mit dem Laden regelrecht peinlich“, erklärt sie lachend. „Aber er hat die Devise, lieber Katholizismus als dieser ganze Eso-Krempel!

Quelle: potseblog.de (mit Dank für die Überlassung des Artikels an Autorin Verena Schöbel)

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