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Blick über den Tellerrand: „Woher kommen die Blumen?“

27 Okt

Als ich St. Matthias kennen lernte, war die Grünfläche rund um die Kirche mit prächtigen Büschen bestückt, deren dunkelgrün glänzenden Blätter sommers wie winters beeindruckten. Seit Berlin selbst von seinem Regierenden arm und sexy genannt wird, schreitet die Versteppung der öffentlichen Flächen voran. Auch bei uns sah es immer trauriger aus. Nur ein Mal kam jemand und schnitt die vernachlässigten Büsche so gründlich, dass die meisten eingingen und die restlichen sich bis heute nicht erholt haben.

Zwei Damen aus der Pfarrei konnten das Elend nicht länger ertragen und gingen immer wieder zu schweißtreibender Aufräum- und Jätarbeit ins Beet. Auch einen der Küster sah man des Öfteren mit Eimer und Hacke.

Dieses Frühjahr wurde alles anders. Plötzlich sprossen tausende Tulpen hervor – die Kirche stand inmitten eines Blumenmeeres. Im Sommer wurde es noch bunter: Rosensträucher, Borretsch, Sonnenblumen, Studentenblumen, Lilien, Phlox und viele andere blühten. Alle freuten und wunderten sich.

Ein Wunder? Ja, ein Blumenwunder gewirkt durch den grünen Daumen eines jungen Mannes, den man fortan an manchen Sonn- oder Feiertagen von früh bis spät in der Erde wühlen sah. Dem Gerücht, er arbeite in einem Laden in der Maaßenstraße, ging ich nach und fand Mike.

Auf meine Frage, wieso er  seine freie Zeit in den Beeten rund um die Kirche verbringt, Mühe und Geld investiert, erzählt er wie er eines Tages an St. Matthias vorbei lief, wo gerade eine Hochzeit gefeiert wurde. Er bewunderte Brautpaar und Blumenschmuck und sah, wie gleich hinter der Feier mannshoch die Brennnesseln wuchsen. Die Kirche Gottes umgeben von Dreck und Brennnesseln? Das lies ihm keine Ruhe.

Mike hatte Gartenlandschaftsbau studiert und beschloss, sich der leicht gammeligen Grünfläche anzunehmen. Vom Pfarrbüro erfuhr er, das Gelände um den Kirchenbau gehöre der Stadt. Ein Anruf beim Tiefbauamt klärte, dass das Grünflächenamt für die Pflege, die BSR aber für die Reinigung und Entfernung von Blättern im Herbst zuständig sei. Die Sachbearbeiterin beim Grünflächenamt war in Urlaub und alle anderen wussten nicht wirklich, um welche Fläche es sich handelt.

Mike erhandelte sich eine vorübergehende inoffizielle Erlaubnis, schon einmal in die Beete zu steigen und begann mit der Aufräum- und Ordnungsarbeit. Ein Bäumchen, das er geschenkt bekam, war viel zu groß für seinen Innenhof und fand einen Platz vor St. Matthias. Der leidenschaftliche Gärtner zog von Potsdam bis Charlottenburg und sammelte überall Samen für die Aussaat, die er in 15 Kisten zu Hause hortete und ordnete.

Stunden über Stunden verbrachte er abends, nachts und frühmorgens mit den Armen in der Erde. Dabei lernte er den Kirchenfuchs kennen, der ihn oft interessiert beobachtete. Wasser musste er in Gießkannen von weither anschleppen. Oft sprach ihn die Polizei an: „Was machen Sie eigentlich da? Vergraben Sie Drogen?“

Langsam, ganz langsam, begann das Werk Konturen anzunehmen, doch beim Jäten war es nicht leicht, die neuen zarten Triebe vom Unkraut zu unterscheiden. Rückschläge gab es auch: Die BSR, die sich sonst nicht zu kümmern schien, entfernte plötzlich alles vom Gärtner aus gutem Grund zum Schutz der Pflanzen verteilte Laub, so dass die Beete im Winter frieren mussten und das Unkraut wieder ungehindert wuchs. Zwei von Mike gekaufte Rhododendronbüsche wurden einfach ausgegraben und geklaut. Als Mike nach all der Mühe darüber traurig war und betete, kam am nächsten Tag eine Dame zu ihm, freute sich über seine Arbeit und investierte 10 Euro in sein Gartenprojekt.

An einem anderen Tag fand er einen weggeworfenen kleinen Gartenteich, den er gleich eingrub und der heute den Vögeln als Tränke und Bad dient. So fügten sich die Dinge nach und nach.

Auf die Frage nach der Kirche erzählt der leidenschaftliche Gärtner, er sei immer schon ein gläubiger Mensch und auch wenn St. Matthias nicht seine Gemeinde sei, so sei es doch seine Kirche, in der auch zum Beten komme.

Nach unserem Gespräch schrieb er mir noch diese Nachricht: „Bei meiner Arbeit als Kirchengärtner ist mir eines ganz klar: ich bin nur der Gärtner oder mit anderen Worten Sein Werkzeug und ich habe das Wissen um die Pflanzen erfahren. Aber wachsen und gedeihen lässt es ganz alleine Gott. Ich mache die Vorarbeit, lege es in Seine Hände und bewundere jeden Tag aufs Neue, wie prächtig Er es vermag, aus einem winzigen Samenkorn eine große, blühende Pflanze entstehen zu lassen, auf der sich Hummeln und Bienen tummeln, wie Er unser Auge erfreut mit der vielfältigen Farbenpracht seiner Natur. Da begreift man, wie allmächtig und allgegenwärtig der Schöpfer in jeder Kleinigkeit jeden Tag aufs Neue wirkt. Das ist wundervoll und tröstlich zugleich. Wenn meine Arbeit dies den Menschen ein wenig ins Gedächtnis zurück bringt, dann bin ich schon reich belohnt und kann ein wenig mithelfen, so wie viele andere in der Gemeinde auch. Um die Großartigkeit Seiner Schöpfung uns allen bewusst und erfahrbar zu machen. Als kleines Zeichen meines Dankes dafür, dass es mir gut geht und Gott für mich genauso sorgt. Ich fühle, wie er in mir wirkt und für mich und meine Nöte da ist.“

Martina Berlin
Katholische Kirchengemeinde St. Matthias
Winterfeldtplatz, Berlin – Schöneberg

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2 Kommentare

Verfasst von - 27. Oktober 2010 in Allgemein

 

2 Antworten zu “Blick über den Tellerrand: „Woher kommen die Blumen?“

  1. Renate Wienicke

    27. Oktober 2010 at 14:25

    Einen lieben Gruß an den wunderbaren Gärtner.
    Ja, er selbst ist eine wunderbare Blume im Garten des HERRN!!!

     
    • Björn Busse

      28. Oktober 2010 at 16:26

      Eine wunderbare Geschichte!

       

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