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Rogate-Andacht: Impuls „In Finsternis wir alle sein“ von Dr. Irene Ahrens

11 Dez

„O Sonn‘ geh‘ auf, ohn‘ deinen Schein, in Finsternis wir alle sein.“ Diese Worte aus dem Lied „O Heiland, reiß den Himmel auf“ erinnern uns in der Adventszeit daran, dass wir auf Christi Wiederkunft am Ende der Zeit warten.  Aber zugleich warten wir auch auf Christi Geburt mitten in der dunklen Jahreszeit.

Wobei der Verfasser des Liedes, der Jesuiten-Pater Friedrich Spee, der dieses Lied mitten im Dreißigjährigen Krieg geschrieben hat, sicher weniger an die Dunkelheit der Jahreszeit gedacht hat, als viel mehr an die grauenvolle Düsternis dieser Kriegszeit.

Ich möchte diese Worte von Friedrich Spee auf eine Form der Dunkelheit in unserer Seele beziehen. Diese Dunkelheit ist ganz anders als jene, die von außen über uns kommen kann, als Misserfolg, Krankheit, Krieg oder Verfolgung. Sie ist aber auch anders als die innere Dunkelheit, die als Depression in uns aufsteigen und sich ausbreiten kann.

All diesen Formen der Dunkelheit sind wir eher ausgeliefert, als dass wir etwas dafür oder dagegen tun könnten. Aber es gibt eine Form der inneren Dunkelheit, die von Alters her als Sünde angesehen worden ist. Sünde im weitesten Sinne ist eine Fehl-haltung dem Leben gegenüber.  Im lateinischen Katalog der sieben sogenannte Todsünden oder Hauptlaster heißt diese Fehlhaltung „acedia“, auf Deutsch Trägheit oder Gleichgültigkeit. Die großen Sieben Sünden im kirchlichen Sprachgebrauch sind: Stolz, Neid, Gier, Wollust, Ärger, Geiz und Trägheit.

Heutzutage ist Sünde ein Wort, das eher belächelt als gefürchtet wird. Und, außer vielleicht der Trägheit, werden diese Sünden gern in der Werbung verwendet. Stolz, Wollust und auch Geiz gelten als cool. Und Zorn wird nicht selten als für psychologisch gesund angesehen. Ursprünglich aber wurden diese Sünden sehr ernst genommen, denn sie beschreiben eine Art zu leben, die uns selbst und anderen schadet. Im 1. Petrusbrief heißt es, „diese Sünden führen Krieg gegen eure Seelen.“ (1 Petrus 2:11)

Sünden sind also zerstörerische Gewohnheiten. So nannte sie jedenfalls der im 5. Jh. lebende Mönch Evagrius Ponticus. Evagrius stellte zum ersten Mal so etwas wie einen Sündenkatalog zusammen, in dem die Trägheit, die „acedia“, eine wichtige Rolle spielte.

Wie sieht nun die Dunkelheit der Seele aus, die den Namen Trägheit oder Gleichgültigkeit trägt und die besonders dort vorkommt, wo äußerlich alles recht gut zu laufen scheint? So wie damals im Eremitenleben des Evagrius und so wie heute in der Wohlstandsgesellschaft. Diese Trägheit des Herzens und des Geistes kann man nicht einfach „Faulheit“ nennen. Sie ist mehr.

Der russischen Schriftstellers Iwan Gontscharow schuf im 19.Jh. mit der Figur des Oblomov die klassische Verkörperung der nihilistischen und teilnahmslosen Trägheit. Oblomov zeigt jene Trägheit des Herzens und des Geistes, die tragisch endet, weil zum Schluss nur noch das Gefühl vollkommener Sinnlosigkeit bleibt. Das ist der Grund, warum die „Acedia“, die Trägheit, als eins der Hauptlaster und als Fehlhaltung dem Leben gegenüber gilt. Denn wo am Ende nur Sinnlosigkeit bleibt, da ist das Leben verfehlt.

Oft beginnt diese Haltung mit kleinen Unachtsamkeiten und mit Weggucken: mit einem Schulterzucken, „Was geht mich das an?“ Das Laster mit dem Namen Trägheit ist eine Langweile am Leben, die sich immer wieder äußert in Sätzen wie, Keine Ahnung.“, „Ist mir doch egal.“ „Hab‘ keinen Bock.“ „Was hab‘ ich damit zu tun?“

Manchmal lässt sich eine Haltung am besten definieren mit einem Blick auf das Gegenteil. Deswegen möchte ich Sie fragen: Können Sie sich vorstellen, dass Jesus jemals gesagt hätte, „Ist mir doch egal“ oder „Geht mich nichts an“?

Bestimmt nicht, oder? Jesus war in Freude und im Leid jedem Menschen, der Ihm begegnete, ganz zugewandt. Aber Jesu Leben war kein rastloses Leben, sondern ein Leben, das von Stille und innerem Frieden getragen wurde. Dagegen zeigt sich die Trägheit – im Englischen mit dem herrlich unattraktiven Wort „sloth“ bezeichnet –  oft in Ruhelosigkeit und Unzu-friedenheit.

Das alte Rolling Stones Lied, „I can’t get no satisfaction“ trifft genau das Lebensgefühl des in Teilnahmslosigkeit versinkenden und verharrenden Menschen und könnte die Nationalhymne der Trägheit sein. In dieser Lebenseinstellung nimmt man die Menschen um sich herum kaum wahr – sie interessieren einen einfach nicht. Ein Mensch, der sich dieser seelischen Trägheit hingibt, ist sozusagen in sich selbst eingerollt wie ein Igel im Winterschlaf.

Aber Verzweiflung ist dies nicht, weil nur ein in relativem Wohlstand lebender Mensch sich solchen Lebensüberdruss leisten kann. Trägheit des Geistes, Gleichgültigkeit und Überdruss am allem entsteht aus Egoismus. Der Blick für das Gute und Schöne geht verloren. Langweile breitet sich aus. Acedia ist die Verzweiflung des Egoismus.

In seiner Göttlichen Komödie betrachtete Dante die Trägheit sozusagen von Gott her und sagte, „Trägheit lässt uns die Liebe zu Gott und das Interesse an Gott verlieren.“ Dies fällt natürlich besonders im religiösen Leben auf und darum wurde Trägheit als Laster zuerst von Mönchen erkannt und beschrieben.

Was aber ist das Heilmittel gegen dieses „I can’t get no satisfaction“, gegen die „Null Bock“ Lebenseinstellung, die so zerstörerisch auf das eigene Leben wirkt? Schon der Heilige Paulus scheint in seinen Gemeinden der Trägheit begegnet zu sein. So gibt er im Philipperbrief ein dreiteiliges Rezept. So schreibt er, erstens, „Freuet euch allzeit, und wiederum sage ich euch, ‚Freuet euch!“ Und dann, zweitens, rät er, „Füllt euren Geist mit guten und wertvollen Dingen und Gefühlen – mit allem, was gut, schön und edel ist.“

Und, drittens, schließlich erinnert Paulus die Philipper und uns daran, dass es nicht reicht, immer nur Schönes und Gutes zu denken. Wir sollen es auch tun, sonst kommt man nicht heraus aus dem negativen Denken.

„Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es,“ ist ein wunderbares Mittel gegen die Trägheit der Seele und des Herzens. Wenn es stimmt, dass unter allem Überdruss und aller Langweile und allem Desinteresse an unserer Umgebung ein Interesse-Verlust an Gott liegt, dann ist das beste Gegenmittel: sich jeden Tag Gott ganz bewusst aufs neue zuzuwenden.

Darin liegt ja auch die Botschaft des Advent. Wir warten auf Gott. Das heißt: wir wenden uns Gott zu. Schon allein dadurch fällt Licht in unsere innere und äußere Welt. Jeden Adventssonntag zünden wir eine neue Kerze an. Damit können wir sagen: es wird heller auf unserem Weg, je näher wir Jesus kommen. Denn Jesus ist das Licht der Welt. Und wenn wir dann Weihnachten an der Krippe knien, dann danken wir Gott, dass Gott zu uns gekommen ist mit Seinem Licht.

Und diese Dankbarkeit ist das beste Heilmittel gegen die Finsternis. Denn wer dankt, kann nicht ganz unglücklich und teilnahmslos sein. Wenn ich es mir jeden Abend zur Gewohnheit mache, vor dem Schlafen gehen an drei Dinge zu denken, für die ich Gott danken kann,  dann wird es selbst nach einem schweren und mühsamen Tag heller in mir. Der Dank kann für ein Lächeln sein, das mir jemand geschenkt hat. Es kann für eine gute Mahlzeit sein. Es kann für eine kleine lustige Begebenheit im Alltag sein. Es gibt so viel, wofür wir Gott danken können, auch wenn wir das meiste immer als  ganz selbstverständlich hinnehmen.

Wenn ich dann nach einer Woche einmal alle Dankeschöns zusammen zähle, komme ich immerhin auf 21 Mal „Danke Gott!“ So etwas lässt das Bewusstsein in uns wachsen, dass Trägheit und Desinteresse einfach nicht mit dem Leben übereinstimmen. Wer Gott dankt, zündet in sich ein Licht an, das hinaus strahlt in die Welt und das uns selbst im Innersten erwärmt. Amen.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 11. Dezember 2009 in Aktuelles, Andachten

 

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