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Evamaria Bohle: „Ihr Wolken, brecht und regnet aus“

20 Nov

Ansprache in der 3. Rogate-Andacht am 19. November 2009 in der Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg

Liebe Donnerstagsabendgemeinde!

Wenn wir in unseren Gottesdiensten und Andachten die alten Lieder singen, öffnen sich Türen in lang vergangene Zeiten. Ich schaue gerne nach, wann ein Lied gedichtet und komponiert wurde, es steht ja in der Regel klein gedruckt darunter. Ich versuche mir dann  vorzustellen, was das für Zeiten waren, in denen dieses Lied ein neues Lied war. Mit dem  Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“  öffnet sich eine solche Tür ins 17. Jahrhundert:

„O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, o Heiland fließ. Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.“

1622 hat der Jesuit Friedrich Spee diesen Text geschrieben. Ein Jesuit war damals kein Protestantenfreund, im Gegenteil: Die Jesuiten hatten es sich zum Ziel gesetzt, den römisch-katholischen Glauben wieder stark zu machen. Dass wir dieses Lied heute in evangelischen und römisch-katholischen Gesangbücher finden, war für Spee vermutlich ein unvorstellbarer Gedanke. Gott loben, gemeinsam mit den Protestanten – dafür war die Zeit noch nicht gekommen. Es herrschte seit vier Jahren ein Konfessions-Krieg in Europa , der, wie Spee nicht wissen konnte, noch 26 Jahren dauern würde: der Dreißigjährige Krieg.

In dieser Zeit also schrieb er sein Adventslied vom „Heiland, der auf  Jakobs Haus regnet“. Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts ist das ein seltsames Bild. Unwirklich. Normalerweise würde man Schulter zuckend, mit leichtem Befremden darüber hinweg singen: „Ihr Wolken brecht und regnet aus, den König über Jakobs Haus.“

Doch vielleicht bietet der Regen eine Spur, die zum besseren Verständnis für die Bildsprache des Textes führen kann: Tau, Regen, Wolkenbruch. Gott im Regen.

Für uns Städter von heute ist Regen, vor allem Novemberregen, ein lästiges, aber kein sehr beeindruckendes Wettergeschehen mehr. Funktionskleidung, asphaltierte Straßen, die sich nicht in Schlammwege verwandeln, Zentralheizung… – all das nimmt dem Regen und seinen Folgen die Macht. Oder wann sind Sie das letzte Mal bis auf die Haut, bis auf’s Mark nass geworden – und wussten nicht, wie Sie wieder trocken werden sollten?

Für Spee und seine Zeitgenossen wird das anders gewesen sein. Das Wetter, der Regen, die Kälte waren schnell lebensbedrohend. Es war die Zeit, die Klimaforscher später die kleine Eiszeit nannten. Eine Phase langer, harter Winter und nasser, kühler Sommer. Schlechte Ernten waren die Folge, Hunger ein oft gesehener Gast.

Die Natur rückte den Menschen lebensbedrohend nahe. Das wusste auch Friedrich Spee. Darum hat es mich gewundert, dass er so kühne, schwierige Wetter-Bilder gewählt hat, um das Wirken Gottes zu illustrieren. Obwohl die Natur doch diese lebensbedrohende Grundenergie haben kann. Wie kommt Spee dazu, sich für solche Bilder zu entscheiden? Wie kommt er vom Wolkenbruch zur Rede von Gott?

Im Gesangbuch selber wird eine Spur gelegt, die zu verstehen hilft, wie Spee dazu kam. Unter der Strophe zwei findet sich ein Verweis auf eine Bibelstelle aus der hebräischen Bibel, dem Alten Testament: Jesaja 45, 8.  Dort steht:

„Taut ihr Himmel von oben, und ihr Wolken regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf. “, sagt Gott nach Jesaja.

„O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, oh Heiland fließ. Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus“, dichtet Spee

Und nochmal Jesaja: „Taut ihr Himmel von oben, und ihr Wolken regnet Gerechtigkeit!“

Es wird deutlich, dass Spees Inspiration für sein ungewöhnliches Adventslied nicht einfach die Naturbeobachtung oder das Wetter waren. Am Anfang seiner Gedanken stand vielmehr ein alter Text aus der Bibel.

Spee hat etwas Ähnliches getan, wie wir heute, wenn wir die alten Lieder singen. Er hat sich die Sprache eines anderen geliehen, um seinen Glauben in Worte zu fassen. Und so öffnet er uns eine weitere Tür in eine noch fernere Vergangenheit hin ins 6. Jahrhundert vor Christi Geburt. Denn so alt ist dieser Teil des Jesajabuches.

Das kann man ruhig einen Moment auf sich wirken lassen:

Heute abend öffnen sich in der Zwölf-Apostel-Kirche in Schöneberg vor unseren Ohren Türen, die uns mit Menschen in Kontakt bringen, die vor fast vierhundert Jahren und vor zweieinhalbtausend Jahren  über Gott nachgedacht haben. Das ist der jüdisch-christliche Glaubensstroms, dem wir angehören, in dem wir mit schwimmen, der uns trägt, wenn wir uns tragen lassen wollen.

Aber zurück zu Spees Lied, das bei Jesaja Inspiration gefunden hat.  Möglicherweise hatten viele Zeitgenossen Spees den Jesajatext im Kopf, hörten ihn beim Singen gewissermaßen mit. Anders als wie heute. Dieser Text war in der römisch-katholischen Kirche eingeübt, in den so genannten Rorare-Messen, die in der Adventszeit begangen wurden. Rorare ist das lateinische Wort für „tauen“ und spielt auf die erste Worte der lateinischen Liturgie an, die den Jesajatext zitieren: Taut ihr Himmel!

Für die Menschen des Barock war der gedanklichen Weg von diesem Sprachbild des sich ausregnenden Gottes zur Adventszeit und zur Weihnachtskrippe also gar nicht weit.

Jesaja geht es um Gottes Gerechtigkeit,  um Gottes Heil, die an einer Stelle erscheinen, an der niemand mit ihnen gerechnet hat. Bei Jesaja in Gestalt des Perserkönigs Kyros II.

Gottes Heil, Gottes Gerechtigkeit kommen und durchtränken die Erde wie Tau, wie Regen nach einem Wolkenbruch. Das ist die ganz große Hoffnung. Das ganz große Versprechen. Davon erzählt Jesaja, und davon spricht Friedrich Spee.

Man muss nicht einmal fromm sein, um diese Sehnsucht nach Heil und Gerechtigkeit, die die Erde durchtränkt, zu teilen. Die christliche Theologie hat diese Versprechen Gottes, die Jesaja beschreibt, auf Jesus Christus angewandt. Wir Christinnen und Christen lesen die Geburt Jesu als unerwartete, überraschende Ankunft Gottes bei den Menschen. Gott wurde Mensch, bekennen wir. Mensch, nicht Christ, wohlgemerkt. Gott wurde Mensch, und Heil und Gerechtigkeit sollen die Erde durchtränken.

Daran zu arbeiten und davon zu singen, ist auch unsere Aufgabe. Manchmal fehlt uns dafür die Kraft, manchmal fehlen die Worte – und dann ist es gut, wenn man sich bergen kann in der Sprache, derer, die vor uns waren. Auch darum ist es gut, die alten Lieder zu singen. Sie stellen das eigene Tasten nach den richtigen Worten in eine uralte Gemeinschaft der  nach Worten Suchenden. Auch das entlastet. Wir dürfen die alten Worte des Gotteslobs ausleihen, auch um die eigene Sprachlosigkeit zu füllen.  Auch der Jesuit Friedrich Spee hat das getan, wie wir gesehen haben:

„O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, o Heiland, fließ. Ihr Wolken brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus“.

Vielleicht können diese jetzt nicht mehr ganz so seltsamen Zeilen des Friedrich Spee einen neuen Platz in unseren Hinterköpfen gewinnen. Vielleicht nisten sie sich bei uns ein und blitzen hervor, wenn wir wiedereinmal auf dem Weg zur U-Bahn – mit oder ohne Schirm – durch den Novemberregen hasten.

Und was wäre damit gewonnen?

Vielleicht können wir dem Regen ja mit einem anderen Gefühl begegnen,  wenn er ein Bild werden darf für das Versprechen Gottes und für unsere Sehnsucht nach Heil und Gerechtigkeit. Vielleicht lässt uns das Lächeln – mitten im Regen, mitten im November.

Evamaria Bohle (Jahrgang 1966) ist Redakteurin für Kultur, Politik, Gesellschaft und Modernes Leben bei der Monatszeitschrift „zeitzeichen – Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft“ in Berlin. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin, Moderatorin und Autorin für diverse Kulturprogramme bei SWR in Stuttgart und Baden-Baden. Evamaria Bohle studierte evangelische Theologie in Münster, Liverpool und Heidelberg.

Den Gottesdienstzettel vom 19. November 2009 finden Sie hier.

Die nächsten Rogate-Andachtstermine:

26.11., 19.30 Uhr, mit Hl. Abendmahl, Zwölf-Apostel-Kirche Schöneberg
“O Erd, schlag aus”
Impuls: Dr. Cornelia Kulawik, Pfarrerin an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
Musik: Ulrich Reinfried, Trompete

3.12., 19.30 Uhr, Zwölf-Apostel-Kirche Schöneberg
“Wo bleibst du!”
Impuls: Tobias Przytarski, Domkapitular, Leiter des Katholischen Büros Berlin-Brandenburg
Musik: Koreanische Heilig-Geist-Gemeinde Schöneberg

10.12., 19.30 Uhr, mit Hl. Abendmahl, Zwölf-Apostel-Kirche Schöneberg
“In Finsternis wir alle sein”
Impuls: Dr. Irene Ahrens, Pfarrerin der St.George’s Anglican Church, Berlin.
Musik: Uwe Steinmetz, Saxophon

17.12., 19.30 Uhr, Zwölf-Apostel-Kirche Schöneberg
“Vom Elend zu dem Vaterland”
Impuls:  Dr. Christoph Vogel, Oberkonsistorialrat und Leiter Theologische Aus-, Fort- und Weiterbildung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Musik: Uwe Steinmetz, Saxophon

Heiligabend, 24.12., 23.00 Uhr, Zwölf-Apostel-Kirche Schöneberg
“Da wollen wir all loben dich”
Impuls: Klaus-Dieter K. Kottnik, Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland
Musik: Zwölf-Apostel-Chor

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Verfasst von - 20. November 2009 in Andachten

 

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