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Blick über den Tellerrand: Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute. Teil 2.

17 Okt

von D. Rönisch, evangelischer Pfarrer in Ruhe, Berlin

2. Teil: Die vertanen Chancen des Gebetes

In welche Richtung beten? Gen Himmel oder in sich gekehrt?Wer Beten für selbstverständlich hält, der irrt. Beten, wie wir Christen es verstehen, setzt zweierlei voraus: Einen hörenden, persönlichen Gott, der unser Gebet wünscht, und ein ehrliches Herz, das sich nach Antwort und Erfüllung seines Gebetes sehnt. Ob es sich dabei um ein Dank-, Bitt-, Lobpreisgebet oder sonst eine Gebetsform handelt, ist unwesentlich. Die Erfahrung lehrt, dass Gott den Beter hört, aber Er erhört nur die seiner Gebete, die den Beter im Blick auf das Ewige Leben und nicht nur auf das irdische entwicklungsmäßig weiterbringen und ihn nicht an dieser Entwicklung hindern. Wie wenig Beten selbstverständlich ist, mag ein jeder an sich selbst feststellen, wenn er sich fragt: „Habe ich mich – vom Kirchbesuch abgesehen – selbst schon laut beten gehört?“ Religiöse Stimmungen, die zur Zeit Konjunktur haben, repräsentieren nicht das derzeitige christliche Gebetsleben.

Warum ist das Gebetsleben in unserer Zeit so schwerfällig und quälend? Ein Blick zurück in die Geistesgeschichte Europas der letzten 500 Jahre erklärt, warum wir heute eine Art Gebetsnotstand ausrufen müssten. Als René Descartes (1596-1650), Begründer des Rationalismus, sein „Ich denke – also bin ich (cogito ergo sum)“ formulierte, empfand die damalige geistige Elite Europas sich selbst und ihren eigenen Verstand (ratio) für den Mittelpunkt der Schöpfung. Was ihr Verstand nicht fasste, wurde bestritten. Das galt vor allen Dingen für die Erfahrung. Der menschliche Verstand galt als die Messlatte aller Dinge. Das herrliche „Ich“ stand den „Objekten“ betrachtend gegenüber und übte sich darin, sie zu beherrschen. Zu solchen „Objekten“ zählten bald neben den Maschinen auch alle Tiere, die „Schwarzen“, die Kolonien, die Frauen und später die Arbeiter. Und weil das anscheinend alles so logisch war, ging das stolze Ego daran, das „Über-Ego“, Gott, als Person infrage zu stellen und durch ein „Prinzip Gott“ zu ersetzen. Freilich mit der Folge: Zu einem „Prinzip“ lässt es sich bis heute schwerlich beten!

Die dem Rationalismus folgende Zeit der Aufklärung sollte die relative Offenheit für das Gebet weiter einengen. Der „Aufgeklärte“ legte wert darauf, den „Autoritätsglauben“ der Kirchen durch einen sogenannten „Vernunftsglauben“ zu ersetzen. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) sprach in diesem Zusammenhang gern von „Wahnglauben“, den er in drei Gruppen einteilt, von deren eine die Gnadenmittel sind, zu denen er das Gebet zählt. Bei Kant heißt es: „Das Beten, als ein innerer förmlicher Gottesdienst und darum als Gnadenmittel gedacht, ist ein abergläubischer Wahn (ein Fetischmachen); denn es ist ein bloß erklärtes Wünschen, gegen ein Wesen, das keiner Erklärung…des Wünschenden bedarf, wodurch also nichts getan….,mithin Gott wirklich nicht gedient wird.“
Der „Vernünftige“ bedarf des Gebetes, des „Wahns“ nicht; er will die moralische Tat. Die Aufklärungszeit ist die Wiege eines überbetonten Tat-Christentums. In den meisten Lehranstalten, Schulen, und Kirchen bemühten sich die Pädagogen, ihre Zöglinge aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herauszuführen und sie zu lehren, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – ohne Gebet – versteht sich! Das „Vaterunser“ – so Kant – sei sowieso nur eine Formel, die sich selbst entbehrlich mache, da man in ihr nichts anderes als den Vorsatz zum guten Lebenswandel finde. Welch ein Irrtum!

In solch einem Geist sind unsere Ahnen landauf, landab, erzogen (oder verzogen?) worden. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Belächelten die Gebildeten der Aufklärungszeit, die sich „ihres Verstandes bedienten“ das Gebet, so sollte mit dem Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872), der den Materialismus einzuläuten begann, eine dem Gebetsleben weitaus feindlichere Epoche beginnen. Feuerbach selbst hält nichts mehr vom „Prinzip Gott“ und will es durch die „Projektion Gott“ ersetzt wissen. Über das Gebet urteilt er: „Das Gebet ist das absolute Verhalten des menschlichen Herzens zu sich selbst, zu seinem eigenen Wesen…Im Gebet betet der Mensch sein eigenes Herz an, schaut er das Wesen seines Gemütes als das absolute Wesen an.“
Feuerbach, einst glühender Gottsucher, der von sich selbst schrieb: „Gott war mein erster Gedanke“, findet statt Gott den Menschen als seinen letzten Gedanken.

Im Gefolge von Karl Marx (1818-1883), Friedrich Nietzsche (1844-1900), Sigmund Freud (1856-1939) und der Naturwissenschaft beinahe durchgängig, wurde der Gedanke von der Vorherrschaft der Materie über den Geist und also der Tat über den Glauben fest und fester gezurrt. Das Gebet, meinte man, pflegen nur die Randsiedler, die Unaufgeklärten, die Duckmäuser. Berthold Brecht (1898-1956) hat diese Haltung treffend in seiner „Mutter Courage und ihre Kinder“ beschrieben. In einer Szene gegen Ende des Stückes stellt Brecht die stumme Kattrin einer Bauernfamilie gegenüber. Während die Bauersleute bei einem nächtlichen Handstreich der Feinde auf die wehrlose Stadt Halle auf die Kniee fallen und das „Vaterunser“ beten, klettert Kattrin, umgetan mit einer Trommel, auf das Dach des Hauses und will die Schlafenden warnen. Schreien kann sie nicht, nur lärmen. Das Gebet wir hier als die nutzlose und falsche Alternative dem Handeln gegenübergestellt. Gebet wird missverstanden als Flucht aus dem Handeln und schlechterdings abgelehnt. Kann das aber das letzte Wort unsers Jahrhunderts zum Gebet sein?

Beten ist zu keiner Zeit falsch oder nutzlos und rechtes Handeln ebenso wenig. Was könnte einem Menschen wohl mehr geschadet haben: seines Lebens Beten oder seines Lebens Handeln? Nicht oder nicht mehr zu beten halte ich für die Grundtorheit unseres Jahrhunderts. Niemand vermag dem Gebet die Verheißung zu nehmen. Und dem „Vaterunser“ schon gar nicht. Es bleibt bei dem, was der Prophet Jesaja aussprach: „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen“, spricht Gott. Das ist keine Intellektuellenschelte sondern Einspruch gegen ihre Hybris. Vom Gebet gilt: „Wer den Namen Gottes anrufen wird, soll gerettet werden.“ Durch Gedankenblitze der Aufgeklärten lässt Gott sich nicht aus dem Regimente drängen. Von denen, die der Zeitgeist nicht hat irre machen lassen, lesen Sie in „Das Vaterunser ausgelegt für Menschen von heute. Teil 3.“

Die Choralbearbeitung „Vater unser im Himmelreich“ von Johann Sebastian Bach, BWV 636

Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute:

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 3 finden Sie hier.

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