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Blick über den Tellerrand: Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute. Teil 1.

16 Okt

von D. Rönisch, evangelischer Pfarrer in Ruhe, Berlin

1.  Teil: Eine Einleitung

Als Martin Luther sich im 16. Jahrhundert an uns Deutsche gewandt hat mit dem Willen, unser Gottesverhältnis zu reformieren, da war Beten noch kein Problem. Luther bekennt von sich selbst:

Wenn du wenig zu tun hast, dann bete eine Stunde; wenn du viel zu tun hast, zwei Stunden.“

Hundert Jahre später heißt es bei Franz von Sales, einem Ordensgründer:

„Bete jeden Tag eine halbe Stunde, und wenn du sehr viel zu tun hast, dann bete eine ganze Stunde.“

Noch einmal 200 Jahre später schreibt Immanuel Kant:

„Das Beten, als ein innerer förmlicher Gottesdienst …ist ein abergläubischer Wahn (ein Fetischmachen); denn es ist ein bloß erklärtes Wünschen, gegen ein Wesen, das keiner Erklärung der inneren Gesinnung des Wünschenden bedarf…“

Dass heute in einer durchschnittlichen deutschen Familie Kinder ihre Eltern betend erleben, dürfte eher eine Ausnahme, denn die Regel sein. Deutschland ist Gebets-Notstandsgebiet!

Es ist schon ein paar Jährchen her (1979), als unser damaliger Landesbischof Dr. Martin Kruse vor der Provinzialsynode folgendes sagte:

In einer Zeit, in der das Glaubenswissen der Christen – nicht ohne Schuld der Kirche! –gefährlich verblasst, ist es eine der vordringlichsten Aufgaben in allen Diensten der Kirche, die Sprachfähigkeit des Glaubens zu gewinnen und zu fördern. Wenn wir unseren Glauben nicht aussprechen können, reden wir über alles Mögliche und betreiben wir Beliebiges, bleiben aber dabei das Eigentliche und Wichtige schuldig. Die Sprachfähigkeit des Glaubens ist Symptom für seine Lebendigkeit! Das Vaterunser ist nun die erste gemeinsame Äußerung der Sprachfähigkeit des Glaubens gewesen – und es ist heute noch das Letzte, was Christen gemeinsam sagen können“

Der Bischof weist hier auf eine Not in der Christenheit hin, die zu überwinden uns das Vaterunser hilft. Mir scheint, mit gutem Grund. Denn das Vaterunser ist Jesu Antwort gewesen auf die Unsicherheit Seiner Jünger, die nicht wissen, worauf sich ihr Beten, ihr Sinnen und Trachten, wenn es um die Beziehung des Menschen zu Gott geht, richten soll.

Wenn das Vaterunser auch keine lückenlose Dienstanweisung für jeden Schritt ins christliche Leben ist, so ist es doch eine grundlegende Einweisung ins Kirche-Sein. Es enthält Weg – und Zielmarken für das Volk Gottes damals und heute. Es war der Herr Jesus selbst, der das Vaterunser zum Merkmal Seiner Jünger gemacht hat und die frühe Kirche hat es unter Arkandisziplin gestellt. Das Vaterunser war etwas Heiliges, das man vor Außenstehenden geheim gehalten hat. Es ist gerade dieses Gebet, das den egoistischen Beter (Ich will…) über das Du Gottes zum verantwortungsbewussten „Wir“ bzw. „Uns“ umerzieht. Zu einem solchen Prozess möchte ich einladen, indem wir das Gebet Jesu besser kennen lernen. Vielleicht gelingt es uns ja, aus  so etwas wie einer rituellen Gebetsmühle heraus – und in ein lebendiges Gottesverhältnis hineinzufinden. Unsere Gebete sollen doch mehr sein als nur Fallschirme, die wir im Notfall zur Hand haben aber immer hoffen, sie nie gebrauchen zu müssen.

In den weiteren Folgen komme ich auf unsere Gebetsnot zu sprechen und wie uns die einzelnen Bitten des Vaterunser, die sorgfältig ausgelegt werden, helfen, aus der inneren Not heraus und in eine neue Gottesbeziehung hineinzugelangen. Denn jede Bitte im Sinne Jesu bringt uns dem Reich Gottes näher. Deshalb beten wir auch: „Vaterunser…“

Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute. Teil 2 hier.


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