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Blick über den Tellerrand: Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute. Teil 3.

18 Okt

von D. Rönisch, evangelischer Pfarrer in Ruhe, Berlin

3. Folge: „Das Gebet, das die Welt umspannt.“

Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg: Der Altaraufsatz für die Bibel zeigt die Symbole für die vier Evangelisten und in der Mitte das Haupt, Jesus Christus.

Zwölf-Apostel-Kirche zu Berlin-Schöneberg: Der Altaraufsatz für die Bibel zeigt die Symbole für die vier Evangelisten und in der Mitte das Haupt, Jesus Christus.

So lautete der Titel eines Buches, das der renommierte Theologe und Prediger Helmut Thielicke in den Kriegswirren der Jahre 1944/45 zu Papier brachte. Es waren Reden über das Vaterunser. Das Gebetsleben selbst, nicht nur das Vaterunser, ist ein Phänomen, das die Welt umspannt. Es gibt kein Volk auf der Erde, das nicht betet. Und wenn sich, wie wir sahen, die klugen Köpfe in Westeuropa angestrengt haben und aus dem Beten einen „Wahn“ machen wollten, so sind sie gescheitert. Auch Westeuropa betet, es hat immer gebetet. Pointiert kann man mit Friedrich Heiler, dem Autor der umfangreichsten Monografie über das Gebet sagen: „Der Gebetstrieb der Menschheit ist unausrottbar.“ Ist es etwa überzeichnet, wenn wir sagen: Das Gebet ist geradezu das Herz und der Mittelpunkt aller Religion? Bei einem französischen Theologen habe ich das schöne Wort gelesen, der sagt: Der Wert jeder Theologie, Dogmatik und Religionsphilosophie bemisst sich an dem, was sie über das Gebet zu sagen haben. Und ich möchte hinzufügen: Dein und mein Glaubensleben lässt sich an deinem und meinem Gebetsleben messen. Matthias Claudius, Kind der Aufklärungszeit, der sich das Beten nicht austreiben lassen wollte, schrieb:

„Ob man beten dürfe – ist eine genauso törichte Frage wie, ob man eine Nase haben dürfe.“

Man hat, man betet.

Ich sagte, Gebetsleben umspanne die Welt, umspannt die Völker und ihre Religionen. Dabei hat jede Religion ihre Eigenheit in ihrer Gebetspraxis entwickelt. Kennzeichen des christlichen Gebetes ist, dass es ein Gebet an den Vater, durch den Sohn, im Heiligen Geist ist. Oft mag uns das nicht mehr so bewußt sein. Hinter dem christlichen Beten steht das ausdrückliche Gebot Jesu: „So seid allezeit wach und betet…“ (Luk.21, 36; vgl. Luk 18, 1ff, Matth. 26, 41 u.ö.).
Martin Luther schreibt im Großen Katechismus über das Gebet:

„Und soll nämlich das erste sein, dass man wisse, wie wir ümb Gottes Gepots willen scuüldig sind zu beten. Denn so haben wir gehört im andern Gepot: ,Du solt Gotts Namen nicht unnützlich führen’, dass darin gefordert werde, den heiligen Namen zu preisen, in aller Not anrufen oder beten…“

Auf die Frage, warum wir überhaupt beten müssten, da Gott doch sowieso wisse, was uns nottut, antwortet Luther an anderer Stelle:

„Warumb lesset er uns denn bitten und unsere not furtragen und gibt’s nicht ungebeten, weil er alle not besser weis und sihet denn wir selbs? Darum das wir’s erkennen und bekennen und bekommen was er uns fur güter gibt und noch viel mehr geben will und kann…Sihe solch erkenntnüs jm gebet gefellet Gott wol und jst de rechte, hoheste und kostlichste Gottes dienst den wir jm tun können…Also leret uns das gebet das wir beide uns und Gott erkennen und lernen was uns feilet und woher wir’s nehmen und suchen sollen.“

Ergo: Beten ist eine Art Erkenntnisvorgang, in der wir unsere eigene Lage vor Gott erkennen lernen und vorab das, was uns fehlt und nottut. Wer nicht betet oder über seinem Nachtgebet einschläft, kann dann auch nicht wissen, was er nötig hat. Beten ist also weder Theorie noch Kopfarbeit; Beten ist weder Plappern noch Ablesen; Beten ist persönliches Gespräch mit dem Gott, der lebt und zuhört schon von Ewigkeit her.

Der Aufsatz der Zwölf-Apostel-Kirche Berlin für die Altarbibel zeigt das Symbol: Das Evangelistensymbol des Lukas ist der (geflügelte) Stier – dieser wird auch Flügelstier genannt.

Der Aufsatz der Zwölf-Apostel-Kirche Berlin für die Altarbibel: Er zeigt das Evangelistensymbol des Lukas, der (geflügelte) Stier, auch Flügelstier genannt.

Als unser Herr Jesus Seine Schüler das Beten lehrte, weil sie nicht so recht wussten, wie man das anders macht als der Normaljude, da formulierte Er das Vaterunser. Wir haben seinen genauen Wortlaut nicht mehr. Wir wissen, dass Gemeinden, die damals der Apostel Lukas besuchte, einen kürzeren Wortlaut des Vaterunser kannten (siehe Luk. 11, 2-4) als die palästinischen Gemeinden des Matthäus (siehe Matth. 6, 9-13). Schon vor langer Zeit hat die Christenheit sich auf die Fassung des Matthäus geeinigt und dann viel später auch auf einen anerkannten Schluss (siehe die Verse 14-15), sodass die Christenheit heute ein einheitliches Vaterunser kennt, wohl das einzige Gut, das sie – das ist die katholische, orthodoxe und protestantische Christenheit – gemeinsam hat. Im Laufe der Zeit sind dann, angeblich durch so etwas wie das „Innere Wort“, zahlreiche andere Fassungen des Vaterunser aufgetaucht, wie in „Das Evangelium Jesu“ des Engländers G.J.R. Ousley oder ein angebliches Ur-Evangelium aus dem 1. Jahrhundert, das sich „Das Evangelium des Friedens Jesu Christi von seinem Schüler Johannes“ nennt, und das von Ed. Bordeaux Székely aufgefunden sein will und einen zweiten Teil kennt, der folgendermaßen beginnt: „Und ebenso betet zu eurer Erdmutter: Unsere Mutter, die du bist auf Erden, geheiligt sei dein Name…“ Ist das kurios? Es ist sicher nicht kurioser als die Wiedergabe des Vaterunser in der erst 2006 erschienenen „Bibel in gerechter Sprache“, in der das Vaterunser so beginnt: „Du Gott, bist unser Vater und Mutter im Himmel, dein Name werde geheiligt. Deine gerechte Welt komme..“   Niemand sage, das alles sei nicht ernsthaft. Aber ist es ernsthaft dasselbe, was Jesus gesagt und gewollt hat? Ich entscheide mich in der Auslegung des Vaterunser für den Wortlaut, den wir in Luthers Übersetzung im Matthäusevangelium nachlesen können und der ökumenisch ist.

In der nächsten Folge hören wir dann etwas über den Vater im Himmel.

Das „Vaterunser“ ausgelegt für Menschen von heute:

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

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